Heiner öffnete die Türe zur Luftaufsicht, ging hinein und stellte sich an den Tresen. „Einen wunderschönen guten Tag," sagt er zu dem Beamten, der sich würdevoll von seinem Stuhl hinterm Schreibtisch erhob. „Guten Tag, herzlich Willkommen in Westerland," sagte dieser unerwartet freundlich. „Die Delta Echo Mike Bravo Juliette, Cessna 172, VFR von München Riem nach hier. Will auch gleich wieder zurück." „Ah, die Bravo Juliette, hatten sie einen guten Flug?" „Fantastisch, blauer Himmel und Sicht bis zum Ultimo." „Haben sie Herrn Tomek gebracht. Ich hab ihn eben draussen gesehen?" „Ja, genau, er ist ein Freund von mir," antwortete Heiner, „Ich möchte die Landegebühr zahlen und gleich wieder starten." „Ist das der Tomek mit der Galerie in Kampen? Der soll ja auch noch eine in München haben, nicht wahr?" „Ja, er hat in München eine grosse Galerie. Ich fliege ihn öfters." Heiner war Ingenieur bei den Bodensee Flugzeugwerken und hatte sich heute einen freien Tag und die Cessna vom Club der Flieger genommen, um seinen Freund von München nach Sylt zu fliegen. Selbstverständlich tat er das nicht gegen Bezahlung, aber immerhin, Tomek bezahlte die Charterkosten und die Gebühren und Heiner konnte seine Flugstunden verbessern. Heiner wollte gerade die Landegebühr bezahlen, als die Türe aufging und ein Pilot in dunkelblauer Uniform herein kam. „Morjen, Morjen," sagte der viel zu laut, nahm seine flotte Schirmmütze vom Kopf, die einen Schwall langer lockiger Haare freigab und knallte sie auf die Theke. „Guten Morgen Herr Lehmann," gab der Beamte kühl zurück. Ohne Heiner zu beachten oder zu fragen ob er dran sei, polterte er los: „Ich muss für unsere Mühle einen neuen Flightplan schedulen und den alten canceln. Mein Pax hat sich wieder mal verspätet." Der Beamte reichte dem Piloten wortlos ein Flugplan Formular, das er flugs anfing auszufüllen. „Wieder IFR zurück nach Riem, alles wie üblich," sagte der Pilot. Heiner war an Seite getreten und musterte den Piloten mit aufsteigender Übelkeit. Sich ohne zu fragen vorzufuschen war schon eine Unverschämtheit. Er fragte sich welcher kleinen Regionallinie der wohl angehört. Der hat eine Arroganz als würde er eine 747 fliegen. Heiners Blick wanderte zum Fenster zum Vorfeld, auf dem eine Menge kleinerer einmotoriger und ein paar zweimotorige Flugzeuge standen. Er überlegte gerade welche dieser Maschinen es sein könnte, da schob sich eine junge blonde Frau draussen vor das Fenster und versuchte hereinzuschauen. Heiner schoss ein „Wahnsinnig" durch den Kopf. Die Frau hatte schulterlange blonde gelockte Haare, die wild durch den Wind durcheinander flogen. Sie trug ein schickes schwarzes einteiliges kurzes Kleid, dass an der Vorseite eine Knopfreihe mit auffällig weissen Knöpfen hatte. Die oberen zwei Knöpfe waren offen und gaben einen tiefen Blick in ihr Dekolletee frei. Die Frau öffnete die Türe und kam herein. Heiners Wut auf den Piloten war verrauscht, zu gebannt starrte er auf diese riesigen Brüste der jungen Frau, die offenkundig dabei waren, die oberste Knopfreihe ihres Kleides zu sprengen. Er bemerkte, dass die Frau ihn anblickte. Heiner hob seinen Blick und schaute in ihre dunkel braunen Rehaugen. Ein Kribbeln durchfuhr ihn. Sie erwiderte seinen stierenden Blick. Er konnte es kaum glauben. Ein ganz entferntes flüchtiges Lächeln fuhr über ihr Gesicht. Heiner durchfuhr es wie bei einem Elektroschock. Er glaubte, es ist eine Unendlichkeit, wie sie ihn ansieht. Er wollte den Mund öffnen und etwa sagen, aber es kam nichts heraus. Der Pilot dreht sich kurz um und sagte zu der Frau: „Nur noch einen kurzen Moment, Fräulein von Hagen, bin gleich so weit. Ein lästiger Papierkram." Er knallte das Formular auf die Theke: „So alles klar, sie können ihn durchgeben. Wir gehen zur Mühle, getankt hab ich. Also bis zum nächsten Mal." Als der Pilot und die Frau draussen waren und auf dem Vorfeld in Richtung der geparkten Maschinen gingen, fragte Heiner: „Was war das denn für einer?" Der Beamte lachte: „Das war weltbester Pilot Lehmann. Das ist der Pilot von dem Von Hagen, dem grossen Bauunternehmer aus München. Der fliegt die Firmenmaschine, die Zweimot da hinten, die Cessna Golden Eagle. Und die Kleine, das ist das Fräulein Tochter, die muss er immer hin und her fliegen." „Schicke Uniform hat er an und auch noch vier goldene Streifen am Ärmel, wie bekommt man die denn?" sagte Heiner lästernd. „Die hat der sich wahrscheinlich selbst drangenäht, der Spinner. Er ist doch Chefpilot." Heiner bezahlte endlich seine Landegebühr und sagte mit stelzender Stimme: „Ich muss jetzt auch einen Flugplan schedulen und einen canceln." Der Beamte musste wieder lachen: „Hört sich gut an, nicht wahr. Aber sie brauchen doch keinen, sie fliegen doch VFR." „Ja,ja, ich mach aber ab und zu Special IFR." „Was? Doch IFR?" „Nein, das heisst: I Follow Railroad." „Ha, das hab ich auch noch nicht gehört," antwortete der Beamte grinsend. „So alles o.k. Das Wetter haben sie ja schon eingeholt, heute ist Sicht bis zu den Polen. Ich wünsche ihnen einen guten Flug. Übrigens sie können auch die eins fünf zum Start nehmen und über Sierra 2 rausfliegen und noch mal über Sierra 1 melden. Nehmen sie Taxiway D und melden sich beim Tower." „Stempeln sie mir bitte noch mein Flugbuch ab. Wie ist die Kennung von hier noch mal?" „EDXW." „Danke schön, bis zum nächsten Mal. Aus Wiedersehen," sagte Heiner, packte seine Unterlagen, verliess das Aufsichtsbüro und wanderte über das Vorfeld zu seiner Maschine. In einiger Entfernung sah er die Golden Eagle stehen. Wahrscheinlich waren die beiden schon drinnen. Einen solchen Vogel würde ich auch gerne mal fliegen, dachte Heiner, vor allen Dingen mit solch einer geilen Begleiterin. „Hmm, und auch noch Fräulein Tochter Von Hagen, das klingt allein schon so geil. Das wäre was." Heiner ging an seine Maschine. Er liebte diese Reims Rocket. Das Kraftpaket. Er kannte sie in und auswendig. Die Serie 172 der amerikanischen Firma Cessna war Das! Synonym für Sportflugzeuge, denn rund um den Globus wurden bis heute über 50.000 Maschinen dieses Typs verkauft. Damit war sie weltweit das am häufigsten eingesetzte viersitzige Flugzeug. Die Cessna 172 Rocket wurde ausschließlich von der Firma Reims Aviation in Frankreich gebaut, die dafür vom amerikanischen Konstrukteur die Lizenz erworben hatte. Die Cessna 172 Rocket ist solch ein Kraftpaket, der selbst voll bepackt keine Startbahn zu kurz ist und die jederzeit mit guten Steigleistungen zu überzeugen weiß. Auf eine Rocket kann man sich verlassen, das wusste Heiner. 210 PS mit einem Sechszylinder Einspritzer, das ist was. Sie war sogar für IFR Instrumentenflug und auch VFR Nachtsichtflug zugelassen und hatte alle notwendigen Instrumente dafür. Zwei COM/NAV und GP von Garmin für Funk und Navigation, einen Marker und Radar-Transponder von King, Encoding Altimeter und DME zur Entfernungsmessung. Aber das Wichtigste für Heiner war der Zweiachs-Autopilot, der alle so einfach machte. Heiner begann den Aussencheck. Bei einer Flugvorbereitung war er äusserst penibel. Es waren schliesslich zwei Langstrecken Flüge heute, über fast 2000 Kilometer, Hin und Zurück gerechnet. Schritt für Schritt, entsprechend der Checkliste ging er vor. Kein Risiko eingehen war seine Devise und er hatte noch nie im Leben Angst in einem Flugzeug gehabt. Alles ist rational erklärbar, wenn was passiert, hat man irgendetwas übersehen oder falsch gemacht. Heiner ging um die Maschine, bewegte die Quer- und hinten die Höhen- und Seitenruder, besah sich die Reifen und stieg ein. Zündschalter AUS, interne Verriegelung am Steuer entfernen, CHECK Hauptschalter EIN, Treibstoffanzeigen CHECK, beide Tank voll. Brauch ich auch, dachte er. Die Reichweite der Rocket war nur etwas über 1000 Km und bis München waren es immerhin fast 900. Also nur eine Treibstoffreserve von 100 Km. Licht CHECK und EIN, Klappen ausgefahren, Hauptschalter AUS. Heiner schnallte sich sein Jeppesen Board auf den Schenkel und nahm die Preflight Checkliste. Erstens: Sitze und Sitzgurte einstellen und schließen. Heiner dachte unwillkürlich an die Golden Eagle. Es ging ihm nicht aus den Kopf. „Näht sich goldene Streifen auf die Uniform. Der sieht ja aus wie ein Schiffskapitän. Ein Streifenheini," lachte Heiner laut vor sich hin. Heiner schnallte sich seinen Gurt fest. Er stellte sich gerade vor, das der Streifenheini jetzt auch der kleinen Blonden auf dem Co-Pilotensitz behilflich ist, die Gurte anzulegen. „Wie legt man so einer Kleinen die Schultergurte an. Zwischen den Busen oder die beiden Riemen genau auf die Brustspitzen. Diese Frage muss ich im Club mal klären," lächelte Heiner vor sich hin. Nächster Punkt: Bremsen einstellen und testen, Kontrollen Steuerung freigängig check, Kabinentür geschlossen, Funk und Beleuchtung AUS, Altimeter Höhenmesser einstellen. „Verdammt, ich brauch das QNH," sprach er zu sich selbst, „Wegen dieser Blonden hab ich das eben vergessen zu fragen." Er schaltete den Funk ein und liess sich den Wert durchgeben. Uhr einstellen, Vergaservorwärmer-Kontrolle einstellen auf "full COLD" Gemisch einstellen auf "full RICH", Hauptschalter EIN, Beacon und Positionslicht EIN, Zündschalter Magnet EIN, Motorleistungskontrolle Throttle öffnen, Propellerbereich FREI. Heiner sah nach draussen, erblickte die Golden Eagle, wie sie zur Startbahn rollte und schaute sehnsüchtig hinter ihr her. Motorstarter EIN, Anlassen, Öldruck CHECK, Funk einstellen und überprüfen, Parkbremse (Fußbremse) lösen und überprüfen. Gewissenhaft hakte Heiner Punkt für Punkt in Ruhe ab. Motorleistung einstellen 1.700 Umdrehungen pro Minute, Öldruck und Öltemperatur überprüfen, ob im Normalbereich, Generator check, ob geladen, maximal erlaubte Differenz zwischen den beiden Motorleistungsanzeigen 75 Umdrehungen pro Minute carbureator heat drop Drehzahlabfall nach dem Abschalten d. Magneten ca. 200 Umdrehungen pro Minute, Motor im Leerlauf Magnetschalter: check AUS Vergaservorwärmer noch einmal checken: AUS, Altimeter nochmals check, Vertical speed indicator checked: Anzeige muss 0 Fuß pro Minute zeigen, Kursanzeiger einstellen auf Kompassanzeige, Wendeanzeiger Flugzeug am Horizont ausrichten, Fluglagenanzeiger Ball in der Mitte zentriert, Treibstoffpumpe EIN, Treibstoff check, Klappen an Tragflächen für take-off einstellen, Trimmung für take-off einstellen. „So!" Heiner lies sich zurück in seinen Schultergurt fallen. Es ist geschafft. Alle Bordinstrumente zeigen o.k. Er holte sich über Funk die Taxi Freigabe, löste die Parkbremse und rollte zum Haltepunkt vor der Startbahn. Über Funk hörte er vom Tower die Startfreigabe für die Golden Eagle und sah sie kurz darauf mit zunehmender Geschwindigkeit starten. „Puh," sagte Heiner bewundernd, „Zweimal 450 PS, das ist was, und fast 400 Km/h schnell." Aber es ist ein Tiefdecker und Heiner mochte nur Hochdecker, weil man sich bei Regen unter die Tragflächen stellen konnte. „Ausserdem, wie sagte mein Fluglehrer immer: „Bei zwei Motoren hat man die doppelte Chance, dass einer ausfällt." Heiner hatte schnell, nachdem er sich vom Tower über den Aussenmeldepunkt Sierra 1 abgemeldet hatte, seine Reiseflughöhe von 5500 Fuss erreicht und das Triebwerk und den Verstellpropeller auf Reiseflugleistung eingeregelt. Er kramte die ICAO Karte aus seiner Bordtasche vor dem Copilotensitz heraus und stellte am VOR den ersten Zielpunkt Hannover West ein. Er wollte seitlich links an der Kontrollzone Bremen vorbei und Hannover in gebührenden Abstand rechts passieren. Er schaltete den Autopiloten ein und fischte sich aus der Tasche eine Flasche Cola. Was für ein super Wetter. Die Nordsee war tief blau gewesen, die Küste bei Cuxhaven kam mit einem hellen grün. Er war herrlich. Der Motor brummte sonorig gleichmässig und Heiner dachte plötzlich daran, was das Gefährlichste in solch einer Situation ist. Den Kopf in den Schultergurt zurück lehnen, die Augen zu schliessen, sich vorzustellen, wie man die kleine Blonde auszieht und sie sich zwischen den Beinen kniet. Beobachten wie sich ihre Lippen um ein steifes Glied schliessen ---- und dann womöglich einzuschlafen. „Nix da, nicht einschlafen," sagte sich Heiner laut zu sich selbst und richtete seinen Kopf wieder auf. Er hatte Hannover geschafft. Unter sich begann jetzt das Wesergebirge. War aber nur maximal 800 Fuss hoch. Heiner blieb bei seinen 5500 Fuss. Es wurde dunstiger. Die Sicht wurde rasant schlechter. „Komisch," dachte er, „Die Wetterfritzen haben doch gesagt, blauer Himmel bis zu den Alpen." Heiner stellt das VOR auf die Frequenz von Fulda. Es sprang noch nicht an, er war noch zu weit weg und zu tief. Aber in ein paar Minuten wird es kommen, dachte er, sich beruhigend. „Die Sicht wird ja immer beschissener," maulte er laut, „Das wird ja dunkel, da sind ja richtige Wolken. Wo kommen die denn her. Es soll doch gar keine Gewitter geben." Er schaltete die Instrumentenbeleuchtung ein. Ein Blick nach draussen zur Seite sagte ihm schnell, dass es ungemütlich wird. Er konnte unter sich keine Landschaft mehr erkennen. „Runter gehen? Auf eine tiefere Reiseflughöhe?" Er erinnerte sich, was sein Fluglehrer, der alte Jagdflieger, immer gesagt hatte: „Der sicherste Weg in den Tod heisst:: schön langsam und schön tief." „Ich bleib auf dieser Höhe," sagte er zu sich, „muss ja gleich wieder besser werden. Frankfurt hat blauen Himmel gemeldet und München auch." Es wurde wirklich ungemütlich. Es wurde stockdunkel und wilde Böen schlugen plötzlich die Maschine hart hin und her. „Mein lieber Mann, das kann ja heiter werden. Jetzt nur stur den Blick auf den künstlichen Horizont und keine abrupten Bewegungen am Steuer," sprach er laut. Er müsste den Flug abbrechen. Er müsste umkehren. Er hatte keine Instrumentenberechtigung und selbst wenn, dann müsste er sich jetzt dem Radarcontrol melden. „Himmel, Arsch und Wolkenbruch," schrie er förmlich seinen künstlichen Horizont an, der wild ausschlug, „ Was mach ich denn jetzt. Wie lange halte ich das durch?" Es war finstere Nacht um ihn herum. „Wenn jetzt auch noch Blitze kommen? Wenn mich jetzt ein Blitz trifft? Au Backe." Er traf eine Entscheidung. „Ich kehre um. Bis Hannover zurück und dann westlich an das Unwetter vorbei." Heiner schaute kurz vom seinen Instrumenten auf und nach vorne durch die Cockpitscheibe. Er schreckte auf. „Ein Licht, da vorne!" „Das gibt es nicht. Ein anderes Flugzeug?" Er musste sich wieder auf dem künstlichen Horiont konzentrieren, der schreckhaft ausschlug. Er schaute wieder nach draussen. „Mensch, das ist kein Flugzeug. Da ist ja eine ganze Lichterkette. Da sind ja zwei Lichterketten. Und sie fliegen vor mir her." Heiner schüttelte sich. Ein Schauer durch lief ihn. „Das ist verrückt! Das kommt vom angestrengten Schauen auf die Instrumente." Er schaute wieder voraus. Die Lichter waren etwas näher gekommen „Die fliegen ja mit mir. Mit fast der gleichen Geschwindigkeit." Er schaute auf den Fahrtmesser, der stand bei knapp 130 Knoten. Er schaute auf den Höhenmesser, der war feste bei 5500 Fuss. Schlagartig wurde ihm etwas bewusst. Das, was er sah, durfte es nicht geben. Das konnte gar nicht sein. Ein eiskalter Schauer rieselte jetzt über seinen Rücken. Es war, als wenn ein eiskaltes nasses Handtuch über den Rücken zum Nacken hochgezogen wurde. Sein Nacken versteifte sich und brannte plötzlich. Aus seinem offen stehen Mund kam nur ein stammelndes: „Unmöglich!" Angst kam auf und erfasste seinen ganzen Körper. Seine Hände zitterten am Steuer und hielten es krampfhaft fest. „Was ist das? Was ist mit mir los? Was mach ich nur?" schoss es ihm durch den Kopf. Die beiden Lichterketten hatten sich langsam links und rechts unter seine Maschine bewegt. Es war ruhig geworden. Es gab überhaupt keine Böen mehr. Das Flugzeug lag absolut ruhig in der Luft. „Das sieht aus wie eine Landebahn. Was ist das? Das ist dunkelgrauer Boden und recht und links diese schier unendliche Lichterkette, wie die Randbefeuerung einer Landebahn." An den Aussenseiten der Lichterkette sah man tosende Wolkenfetzen vorbeifliegen. Heiner hatte Angst, pure Angst, zum ersten Mal in seinem Leben. Aber es passierte nichts. Die Lichter kamen immer näher unter ihm hoch, sie begleiteten ihn fast mit der gleichen Geschwindigkeit. Der Fahrtmesser zeigte immer noch auf 130 Knoten. „Ist das eine Landebahn? Eine fliegende Landebahn in 5000 Fuss Höhe?" fragte er sich und sein rationales Denken übernahm langsam wieder die Oberhand. „Soll ich darauf landen? Ich bin doch viel zu schnell? Aber diese gespenstische Landebahn schiebt sich langsam aber sicher unter mich hoch. Was mach ich nur?" Heiner reduzierte das Gas, die Maschine wurde langsamer. 120, 110, 100, 90 Knoten. Die Landebahn blieb an der gleichen Stelle unter ihm. „Sie muss ihre Geschwindigkeit auch verändert haben? Das ist ja verrückt?" Heiner blickte aus dem Seitenfenster herunter und sah die Landebahn nur noch wenige Meter unter seinem Fahrwerk. „Ich probiers,"sagte er laut, „wahrscheinlich bin ich tot und das ist hier mein Ausstieg." Er nahm das Gas ganz zurück, seine Maschine senkte etwas die Nase und mit einem Plop setzte sie auf. Sein Fahrtmesser ging zurück auf Null. „Ich steh! Ich stehe auf einer Landebahn. Unfassbar. Und beide Höhenmesser zeigen 5500 Fuss." Heiner sass wie festgeklebt in seiner Maschine und schaute nach vorne hinaus, wo die langen Lichterketten vom Rand der Bahn in der Ferne zusammenliefen. Er schaute nach links und nach rechts, sah die kleinen Befeuerungslichter, wie sie überall auf den Flugplätzen waren, wenige Meter neben sich. „Und jetzt? Ich kann hier doch nicht ewig blieben? Was passiert jetzt mit mir?" Mutig öffnete er seine Seitentüre. Kein Luftzug war zu spüren. Er streckte einen Fuss heraus, machte sich Mut und sprang heraus. „Verrückt, verrückt, unmöglich!" rief er laut, „Ich steh auf einer Landebahn in 5000 Fuss und schau mein Flugzeug an." Er ging etwas näher an die Lichterkette. Direkt dahinter hörte die graue Masse der Landebahn auf und gab einen Blick auf eine gewaltige und angsteinflössende tosende Wolkenmasse frei. Er konnte sogar hinunter blicken und sah nichts als vorbeifliegende braungrau abgestufte Fetzen. „Mein Gott, da draussen tobt ja ein Orkan." „Aber ich muss hier weg. Es passiert nichts. Ich muss wieder rein und los. Ich muss dadurch," sprach er zu sich selbst und ging wieder zu seiner Maschine. Heiner sah nach hinten, auf den hinteren Teil der Landebahn, wo die Lichterkette genauso, wie vor ihm in der Unendlichkeit zusammenlief. Er blickte nach oben. Riesige aufwühlende Wolkenberge tobten über ihn hinweg. Ein grauer Schleier zog sich in die Länge. Er formte sich zu einem Kreis. Das Grau wurde immer heller. Es wanderte langsamer als die Wolkenfetzen nach hinten. Es schloss sich zu einem Kreis. „Das sieht ja aus wie ein grosses Auge. Es ist wirklich ein Auge, ein Auge geformt aus den Wolken, ein Auge des Windes?" Das Auge des Windes blieb stehen. Heiner war in einen faszinierenden Bann gefangen. So etwas hatte er auch noch nie gesehen. Das Auge setze sich neben die Lichterkette. „Da ist doch ein Schatten," rief Heiner plötzlich aufgeregt, „Unter dem Auge auf der Landebahn ist ein Schatten. Da liegt doch etwas." Heiner begann zu gehen. Wie weit ist es entfernt? Vielleicht 200 Meter, oder gar 300? Er begann zu laufen. Das war kein Schatten, da lag ein dunkler Haufen. Heiner rannte. „Das ist ein Mensch! Da liegt ein Mensch!" Er erkannte Beine, angewinkelt, ein dunkles Kleid über den Körper. Er erkannte blonde Haare. Er erkannte eine Frau. Ausser Atmen blieb er vor ihr stehen. „Mein Gott, dass ist doch die Blonde von der Golden Eagle. Von Sylt." Die junge Frau lag auf der Seite, Oberkörper und Kopf eingezogen, wie ein Baby im Mutterleib. Sie hatte die Augen geschlossen. Unschlüssig schaute sich Heiner um. In der Ferne sah er seine Maschine stehen. „Das Auge ist weg. Das Auge des Windes ist verschwunden," stellte er fest.